Die Kanzlei Edelson PC hat im Zusammenhang mit der Schießerei an der Tumbler Ridge Secondary School in British Columbia 30 weitere Klagen gegen OpenAI eingereicht. Nach Berichten von TechCrunch und The Verge werfen die Kläger OpenAI und CEO Sam Altman vor, dem mutmaßlichen Täter erhebliche Unterstützung und Ermutigung geleistet zu haben. Es handelt sich um Vorwürfe in Zivilklagen, nicht um festgestellte Tatsachen.
Vorwurf weitet sich von Fahrlässigkeit auf Beihilfe aus
Die neuen Beschwerden wurden nach Angaben der Berichte bei einem Bundesgericht in Kalifornien eingereicht. Sie folgen auf sieben Klagen, die Edelson PC im April im Namen von Betroffenen und Familien im Zusammenhang mit der Tat eingereicht hatte.
Neu ist laut TechCrunch der Vorwurf, OpenAI habe die Schießerei unterstützt und begünstigt, statt sie lediglich fahrlässig nicht verhindert zu haben. Diese Verschiebung ist rechtlich bedeutsam: Die Klagen behaupten damit nicht nur ein Versäumnis bei Schutzmaßnahmen, sondern eine aktivere Form der Verantwortung. Ob diese Behauptung vor Gericht Bestand hat, ist offen.
Behauptungen zu ChatGPT-Nutzung und Meldung an Behörden
Den Klagen zufolge soll ein automatisiertes Prüfsystem von OpenAI ChatGPT-Unterhaltungen des mutmaßlichen Täters Jesse Van Rootselaar über Waffengewalt markiert haben. Weiter wird behauptet, das Sicherheitsteam habe empfohlen, kanadische Behörden zu kontaktieren.
Die Kläger behaupten außerdem, OpenAI habe das betreffende Konto lediglich deaktiviert, statt eine systemweite Sperre zu verhängen. Dadurch habe der mutmaßliche Täter ChatGPT mit einer anderen E-Mail-Adresse erneut nutzen können. Auch dies sind bislang unbewiesene Behauptungen aus den Klageschriften.
Ein Bericht verweist zudem auf eine frühere Darstellung des Wall Street Journal, wonach OpenAI-Mitarbeiter wegen der ChatGPT-Nutzung des mutmaßlichen Täters alarmiert gewesen seien, einschließlich Gesprächen über Waffengewalt und Hinweise zur Planung eines Angriffs. Diese Darstellung liegt in dem vorliegenden Dossier nur als zugeschriebener Medienbericht vor.
Lehane wird in den Vorwürfen genannt, ist aber nicht Beklagter
Die Beschwerden nennen OpenAIs Chief Global Affairs Officer Chris Lehane als die Person, die Mitarbeitenden angeblich angewiesen habe, nicht die Behörden zu kontaktieren. Einer Beschwerde zufolge sei die Entscheidung entweder von Lehane selbst oder jemandem in seiner Berichtslinie getroffen und von Altman bestätigt worden. Die Beschwerden führen nach TechCrunch jedoch keinen direkten Beleg für eine persönliche Beteiligung Lehanes an.
Lehane ist laut TechCrunch nicht als Beklagter aufgeführt; Altman hingegen schon. Zu den neuen Klägern gehören Lehrkräfte, ein Schulleiter und Schüler, die sich während des Angriffs im Gebäude befanden, aber nicht körperlich verletzt wurden.
OpenAI weist zentrale Behauptungen zurück
Jason Kwon, OpenAIs Chief Strategy Officer, bezeichnete die Behauptungen über die Sicherheitsteams des Unternehmens als falsch. Er bestritt ausdrücklich, dass Lehane an der ursprünglichen Entscheidung über eine Meldung beteiligt gewesen sei oder dass die Ermittler an ihn berichteten.
Kwon wies auch die Darstellung zurück, die Entscheidungsträger hätten Sicherheit nicht priorisiert oder politische beziehungsweise PR-Erwägungen hätten eine Rolle gespielt. TechCrunch konnte nach eigener Darstellung weder bestätigen, ob Lehane Empfehlungen des Intelligence-and-Investigations-Teams überstimmen kann, noch ob er in diesem konkreten Fall beteiligt war.
Was auf dem Spiel steht
Der Fall rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Pflichten ein KI-Anbieter haben könnte, wenn interne Systeme potenziell gewaltbezogene Nutzeraktivitäten markieren. Die vorliegenden Berichte belegen jedoch weder die in den Klagen geschilderten internen Abläufe noch eine rechtliche Verantwortung von OpenAI.
Die Schießerei ereignete sich laut TechCrunch am 10. Februar in Tumbler Ridge in der kanadischen Provinz British Columbia. Die 30 neuen Verfahren erhöhen den Umfang der zivilrechtlichen Auseinandersetzung, entscheiden aber nicht über die Richtigkeit der Vorwürfe.
Wie es weitergeht
Als Nächstes dürfte OpenAI auf die Beschwerden reagieren und die Verfahren werden klären müssen, ob die behaupteten internen Vorgänge belegt werden können und ob sie nach dem anwendbaren Recht eine Haftung begründen.
Änderungsvermerk: Erstfassung auf Basis von Berichten von TechCrunch und The Verge; Vorwürfe und Dementis sind klar als solche gekennzeichnet.